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Genossenschaft heißt: Menschen kümmern sich um das, was ihnen gehört

Was hält eine Genossenschaft über mehr als ein Jahrhundert zusammen? Welche Rolle spielen Mitglieder heute und welche morgen? Und warum sind Genossenschaften gerade in Zeiten von Krisen, Investitionsdruck und gesellschaftlicher Vereinzelung aktueller denn je?

Zum 140-jährigen Bestehen der bbg spricht Prof. Dr. Theresia Theurl, eine der profiliertesten Genossenschaftsforscherinnen im deutschsprachigen Raum und Gutschafterin der Initiative „140 Jahre bbg. 140 gute Taten.“, über Verantwortung, Identität und die Kraft einer Organisationsform, die sich immer wieder neu erfindet und dabei ihren Prinzipien treu bleibt.

 

 

Frau Professor Theurl, Sie befassen sich seit vielen Jahren mit Genossenschaften. Gab es in letzter Zeit etwas, das Sie dennoch überrascht hat? 

 

Ja. Auf einem Kongress in Wien habe ich von einer sehr spannenden Konstruktion beim Fußballclub Schalke erfahren. Schalke ist weiterhin ein Verein, doch die Mitglieder haben zusätzlich eine Fördergenossenschaft gegründet, die Schalke eG. In dieser bringen Mitglieder direkt Kapital auf, um den Verein gezielt zu unterstützen. Auf diesem Weg konnten beispielsweise Teile des Stadions zurückgekauft werden. Rund 8.000 Mitglieder sind bereits beteiligt. Mitglied der Genossenschaft kann nur werden, wer auch Vereinsmitglied ist.
Das ist ein starkes Zeichen. Viele Fußballvereine holen sich große externe Investoren. Das führt häufig zu Spannungen oder sogar zu Brüchen mit den Fans. Hier ist es anders. Die Fans kümmern sich selbst um ihren Verein. Sie übernehmen Verantwortung für etwas, das Teil ihrer Identität ist.

 

Welche Verbindung sehen Sie zwischen diesem Beispiel und Wohnungsbaugenossenschaften wie der bbg?

 

Die Verbindung ist sehr direkt und führt über Infrastruktur und Identität. Für Schalke Fans ist der Verein lebensnotwendig im übertragenen Sinn. Er gehört zu ihrem Selbstverständnis. Bei Wohnungsbaugenossenschaften ist diese Bedeutung noch unmittelbarer. Es geht um das Dach über dem Kopf.
Karl Schrader, der Gründer der bbg, hat sehr klar formuliert, worum es geht: Zentrale gesellschaftliche Themen, die die Menschen direkt betreffen, selbst anzupacken. Wohnen gehört zweifellos dazu. In beiden Fällen haben wir große wirtschaftliche Gebilde. Und in beiden Fällen steht der Mensch im Mittelpunkt.

 

Genossenschaften sind keine neue Organisationsform. Warum sind sie dennoch bis heute so relevant?

 

Genossenschaften entstehen dort, wo es Bedarf gibt und wo eine wirtschaftliche Perspektive vorhanden ist. Das war im 19. Jahrhundert so und gilt auch heute. Was sich verändert hat, sind die Anwendungsfelder. Die Prinzipien sind gleich geblieben. Heute erleben wir genossenschaftliche Neugründungen in ganz anderen Bereichen als früher. Die Rechtsform ist äußerst anpassungsfähig. Sie bleibt ihren Grundwerten treu und kann dennoch auf neue Herausforderungen reagieren. Genau darin liegt ihre Zukunftsfähigkeit.

 

Wie erleben Sie die politische Wahrnehmung von Genossenschaften?

 

Ich erlebe zwei sehr unterschiedliche Situationen. Einerseits werden Genossenschaften häufig unterschätzt. Ihr Potenzial wird nicht ausreichend gewürdigt. Andererseits erinnert man sich plötzlich an sie, wenn andere Lösungen nicht mehr greifen. Dann sollen sie auf einmal Verantwortung übernehmen.

Gerade Wohnungsbaugenossenschaften stehen vor enormen Aufgaben. Sie wollen investieren und sie müssen investieren. Gleichzeitig stoßen sie an klare Grenzen. Technische Standards, Klimavorgaben und gesetzliche Sanierungspflichten sind extrem kostenintensiv. Mehr als die Hälfte des Bestands stammt aus der Zeit vor 1930. Diese Gebäude müssen modernisiert werden und das verursacht hohe Kosten.

 

Was braucht es, um die nächsten 140 Jahre erfolgreich zu gestalten?

 

Zunächst ist es wichtig, nach vorne zu schauen. Ein Jubiläum ist ein guter Moment, um die eigene Geschichte zu würdigen. Danach geht es um Orientierung.
Entscheidend ist, sich der eigenen Stärken sehr bewusst zu werden und diese gezielt weiterzuentwickeln. Ebenso wichtig ist Anpassungsfähigkeit. Unerwartete Ereignisse gehören heute zum Alltag. Organisationen müssen damit umgehen können, schnell reagieren und auch Chancen erkennen, wenn sie plötzlich entstehen.
Und schließlich spielen die Mitglieder eine zentrale Rolle. Genossenschaft bedeutet Mitverantwortung. Mitglieder sollten stärker erleben, dass sie nicht nur Empfänger sind, sondern Entwicklung aktiv mitgestalten können.

 

Manche Studien zeigen, dass sich Mitglieder eher als Mieter wahrnehmen. Woran liegt das?

 

Die meisten Mitglieder wissen, dass sie Miteigentümer sind. Gleichzeitig sagen viele, dass ihnen im Alltag die Zeit fehlt, sich intensiver einzubringen. Genau hier wird Kommunikation entscheidend. Eine Genossenschaft funktioniert nicht ohne Kommunikation. Sie findet auf vielen Ebenen statt. Im Unterschied zu anderen Wohnungsunternehmen mit klaren Hierarchien übernehmen Mitarbeitende in Genossenschaften oft eine vermittelnde Rolle. Sie verbinden Menschen, Ebenen und Interessen. Diese Aufgabe ist von großer Bedeutung.

 

Welche Rolle spielen Kinder und Jugendliche für die Zukunft einer Genossenschaft?

 

Eine sehr große. Junge Menschen sollten früh verstehen, was eine Genossenschaft ist und wofür sie steht. Identifikation entsteht nicht von selbst. Sie entsteht durch Beteiligung, durch Erfahrung und durch konkrete Angebote. Das ist entscheidend für die langfristige Zukunft der bbg.

 

Ein weiteres Thema ist Vereinsamung. Welche Rolle können Genossenschaften hier übernehmen?

 

Eine sehr wichtige. Vereinsamung betrifft längst nicht nur ältere Menschen, sondern zunehmend auch junge. Genossenschaften verfügen über Strukturen, Räume und soziale Nähe. Sie können mit Projekten und gemeinschaftlichen Aktivitäten wirksam gegen Vereinsamung arbeiten.

 

Sie sind Gutschafterin der Initiative „140 Jahre bbg. 140 gute Taten.“ – warum?

 

Als Wissenschaftlerin sehe ich es auch als meine Aufgabe, nach außen zu erklären, was eine Genossenschaft ist, was sie leisten kann und Leuchttürme zu präsentieren, also besonders gute Beispiele.
Die Initiative zeigt sehr eindrücklich die Vielfalt der Mitglieder und die große Bandbreite an Ideen. Viele kleine Beiträge entfalten gemeinsam Wirkung. Engagement wird sichtbar und wertgeschätzt. Man erkennt, dass die bbg weit mehr ist als Wohnraum. Sie ist eine Organisation, die sich über einen langen Zeitraum weiterentwickelt hat und heute in ihre Zeit passt. Das ist nicht selbstverständlich. Dafür braucht es viele gute Entscheidungen. Nicht nur von Vorständen, sondern auch von Mitarbeitenden, Mitgliedern und Partnern. Die Initiative macht sichtbar, wie viel menschliche Energie in dieser Genossenschaft steckt. Das verbindet, macht zufrieden und schafft Perspektiven.